Die Philosophie der Gastfreundschaft
Es gibt ein Sprichwort im Kaukasus, das als moralischer Kompass für eine ganze Nation dient: "Ein Gast ist ein Geschenk Gottes." In Georgien ist dies nicht bloß ein auf Souvenir-Tischdecken gesticktes Sprichwort; es ist eine gelebte Philosophie, die den Rhythmus des täglichen Lebens diktiert. Für den Reisenden, der in Tiflis ankommt, ist diese Wärme spürbar, sobald die Reifen den Asphalt berühren.
Georgien, eingebettet an der Kreuzung von Europa und Asien, hat sich von einem Geheimtipp zu einem der fesselndsten Reiseziele der Welt gewandelt. Doch anders als viele aufstrebende Hotspots, die ihre Kanten wegpolieren, hat Georgien auf seine Authentizität gesetzt.
Tiflis: Eine Stadt der vielschichtigen Geschichten
Die Hauptstadt Tiflis ist eine chaotische, charismatische Meisterklasse im architektonischen Geschichtenerzählen. Hier stehen sowjetische modernistische Strukturen Schulter an Schulter mit Schwefelbädern im persischen Stil und futuristischen Glasbrücken. Wie in den jüngsten UNESCO-Tentativlisten detailliert, liegt der Charme der Stadt in ihrem vielfältigen multikulturellen städtischen Gewebe.
Wenn man durch die labyrinthischen Straßen von Sololaki geht, riecht man das hefige Aroma von Shotis puri (Brot), das in Tonöfen backt. Die laufenden Initiativen der Regierung, historische Fassaden zu restaurieren und gleichzeitig die "Italienischen Höfe" zu bewahren – wo Nachbarn immer noch Klatsch und Wäscheleinen teilen – zeigen ein Engagement gegen die Sterilität des Overtourism.

Die Wiege des Weins
Um Georgien zu verstehen, muss man seine Beziehung zum Weinstock verstehen. Während Frankreich und Italien oft das globale Gespräch dominieren, hält Georgien den wissenschaftlich bewiesenen Titel der "Wiege des Weins".
“Wein ist hier nicht nur eine Industrie; er ist das Blut der Erde und das Herz der Kultur.”
Archäologische Beweise, veröffentlicht von der National Academy of Sciences, bestätigen eine 8.000 Jahre alte Weinbautradition. Anders als europäische Methoden wird traditioneller georgischer Wein in Qvevri fermentiert – massiven, mit Bienenwachs ausgekleideten Tongefäßen, die unter der Erde vergraben sind. Diese Methode, von der UNESCO für ihr immaterielles Kulturerbe anerkannt, produziert Bernsteinweine mit tanninhaltigen Strukturen und blumigen Noten, die den modernen Gaumen auf herrlichste Weise herausfordern.

Unendliche Gastfreundschaft und die Supra
Das Kronjuwel des georgischen Erlebnisses ist die Supra, ein traditionelles Festmahl, geleitet von einem Tamada (Toastmaster). Hier wird die emotionale Schwere der Kultur am tiefsten gespürt. Es ist eine strukturierte Aufführung von Poesie, Philosophie und Trinken.
Als Georgien 2023 die ITB Berlin ausrichtete, debütierte es mit dem Slogan "Infinite Hospitality" (Unendliche Gastfreundschaft). Das war nicht nur ein Marketing-Slogan; es war ein Versprechen. Die Kampagne hob hervor, dass, während die Infrastruktur modernisiert wird, der alte Verhaltenskodex gegenüber Besuchern unangetastet bleibt.
Wo Berge den Himmel berühren
Jenseits des Tisches verlangt die Landschaft Ehrfurcht. Der Große Kaukasus bietet einige der dramatischsten Landschaften Europas.
In der nordwestlichen Region Svaneti stehen mittelalterliche Steintürme als Wächter vor einer Kulisse aus zerklüfteten, schneebedeckten Gipfeln wie dem Berg Schchara. Währenddessen bietet im Osten in Kasbegi die ikonische Gergeti-Dreifaltigkeitskirche eine spirituelle Verbindung zum Land. Ob beim Wandern zu den Gletschern von Ushguli oder beim Erkunden der Canyons von Martvili, die Verbindung zur Natur ist unmittelbar und erdend.

Quellen: Daten referenziert von PNAS, UNESCO und GNTA offiziellen Berichten.